Warum reden wir mit unseren erfahrensten Mitarbeitenden erst, wenn sie längst entschieden haben zu gehen – und das Betteln beginnt?

Ich muss es ehrlich sagen: Es irritiert mich.


Warum führen so viele Unternehmen keine Gespräche mit älteren Mitarbeitenden über deren berufliche Zukunft? Warum wird nicht frühzeitig gefragt, wie sie sich ihre letzten Arbeitsjahre vorstellen – oder ob und wie sie sich eine Weiterbeschäftigung über das Rentenalter hinaus vorstellen könnten? Gerade jetzt, wo staatliche Anreize wie die Aktivrente neue Möglichkeiten schaffen.


Viele Führungskräfte verpassen den richtigen Moment. Statt rechtzeitig mit erfahrenen Mitarbeitenden in den Dialog zu gehen, wird erst reagiert, wenn die Entscheidung für den Ruhestand längst gefallen ist. Dann beginnt das Werben – manchmal sogar das Flehen – um einen Verbleib. Doch echte Bindung entsteht nicht im letzten Moment, sondern durch kontinuierliche, ehrliche Gespräche.

Die letzten Berufsjahre – eine übersehene Ressource

Diese Phase wird in vielen Unternehmen kaum aktiv gestaltet. Dabei bieten die letzten Berufsjahre eine echte Chance:

  • Wissen sichern
  • Übergabe strukturieren
  • Zusammenarbeit neu denken


Viele Mitarbeitende beschäftigen sich schon Jahre vor dem Renteneintritt intensiv mit ihrer Zukunft. Sie sprechen mit ihrer Familie, holen Informationen bei der Rentenversicherung ein – und teilen ihre Entscheidung erst mit dem Arbeitgeber, wenn sie längst getroffen ist. Die Reaktion? „Wir brauchen dich. Kannst du dir vorstellen, länger zu bleiben?“ Doch dann ist es meist zu spät.


Die Sprachlosigkeit der letzten Berufsjahre ist ein Führungsversäumnis – und sie kostet Unternehmen wertvolle Erfahrung, Bindung und Gestaltungsspielraum.


Warum so viele früher gehen – und was dahinter steckt

Etwa die Hälfte der Babyboomer kann es sich leisten, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen – und die meisten tun das auch. Von denen, die früh ausgestiegen sind, arbeitet rund ein Drittel weiterhin in geringem Umfang oder würde es gerne tun. Und rund 40 Prozent sagen zwar, sie wollen eigentlich nicht mehr arbeiten – wären aber unter bestimmten Bedingungen durchaus bereit dazu.


Ja, es gibt sie: Mitarbeitende, die so schnell wie möglich raus wollen. Aber nicht, weil sie nicht mehr arbeiten möchten – sondern weil die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen. Arbeitsverdichtung, steigender Leistungsdruck, gesundheitliche Einschränkungen und das Gefühl, nicht mehr gesehen oder gebraucht zu werden, führen dazu, dass viele innerlich abschließen, lange bevor der letzte Arbeitstag kommt.


Wer zuhört, kann gestalten

Hier liegt eine große Chance: Wenn Führungskräfte hinschauen, nachfragen und ernst nehmen, was ältere Mitarbeitende wirklich brauchen, entstehen neue Wege – individuell, flexibel und wertschätzend.


Denn viele wollen durchaus weiterarbeiten – aber zu "ihren Bedingungen":

  • weniger Stunden
  • flexiblere Einsatzzeiten
  • angepasste Aufgaben
  • mehr Mitsprache


Es geht nicht um „weiter wie bisher“, sondern um ein neues Modell von Arbeit im Alter. Ein Modell, das auf Vertrauen, Dialog und Gestaltungsspielraum basiert. Wer als Führungskraft bereit ist, diesen Weg mitzugehen, stärkt nicht nur das Team und das Unternehmen – sondern auch die eigene Führungsqualität.


So entsteht ein Arbeitsumfeld, das nicht nur funktioniert, sondern verbindet. Ganz im Sinne eines echten „Great Place to Work“.


Was fehlt, ist das Gespräch

Und das wäre so einfach: Mit Mitarbeitenden ab Mitte 50 regelmäßig ins Gespräch gehen.


Fragen stellen wie:

  • Wie geht es dir aktuell in deiner Rolle?
  • Was brauchst du, um motiviert zu bleiben?
  • Wie lange möchtest du noch arbeiten – und unter welchen Bedingungen?
  • Könntest du dir vorstellen, auch nach dem Renteneintritt noch in kleinerem Umfang tätig zu sein?

Solche Gespräche schaffen Vertrauen, zeigen Wertschätzung – und eröffnen Perspektiven, an die vorher vielleicht niemand gedacht hat.


Führung ist jetzt gefragt – nicht erst zum Abschied

Die Bereitschaft zur Weiterarbeit hängt stark davon ab, wie attraktiv die Arbeit gestaltet ist – und wie ernsthaft das Unternehmen Interesse zeigt. Führungskräfte spielen dabei eine Schlüsselrolle.


Ich rate zu:

  • Gespräche jetzt initiieren, nicht abwarten
  • Bedürfnisse ernst nehmen, nicht abwinken, ("...aber das haben wir noch nie gemacht")
  • Flexibilität ermöglichen, nicht blockieren

Denn: Nur wer sich gesehen fühlt, bleibt.


Mein Fazit: Wer nicht fragt, verliert

Es ist höchste Zeit, dass wir aufhören, ältere Mitarbeitende einfach „auslaufen“ zu lassen. Stattdessen sollten wir sie aktiv einbinden, ihre Wünsche kennen und gemeinsam gestalten, wie ein späterer Ausstieg – oder ein Wiedereinstieg – aussehen kann.


Zukunftsgespräche sind kein Luxus. Sie sind Führungsaufgabe. Und sie zahlen sich aus – für das Unternehmen, für das Team und für die Menschen, die es über Jahrzehnte mit aufgebaut haben.